Geschichten aus dem Leben!
Wahr erfunden!!
Ich bin wütend, nicht nur angepisst
Muss der LKW wirklich überholen, wenn ich es eilig habe? Was für ein Depp…
So hin und her gerissen war ich lange nicht mehr. Macht Wut wirklich Mut? Umgekehrt passt es jedenfalls nicht. Mut macht keine Wut.
Mut macht Freude, stärkt das Selbstvertrauen.
Aus meiner Sicht ist Wut ein schlechter Ratgeber für Mut. Wut, blinde Wut, aus dem tiefsten Inneren kochend, wie ein schon seit langer Zeit stiller Vulkan. Ausbrechend. Zerstörerisch. Gegenüber anderen und schlussendlich gegenüber sich selbst. Meine Wut schadet am Ende immer nur mir selbst.
Spannend ist die Überlegung: Gibt es unterschiedliche Stadien der Wut? Ich bin verärgert über etwas oder sie ist aufgebracht. Das ist eher die leichte Form der Wut. Das ist in etwa, wenn Junge sagen ‘Er ist angepisst.’ Weiter steigert es sich fast ins Unermessliche. Hinzu kommen dann Hass, Zorn, Rachsucht. Also gibt es eine klare Steigerung der Wut. Was alles mit Wut passieren kann, muss ich nicht erwähnen. Sie können die Nachrichten täglich einschalten und Beispiele sehen.
Mit diesen Begleitern im Leben, kann ich mir nicht vorstellen, dass es in die richtige Richtung gehen kann. Wut behindert mich mehr, als das ich vorwärts kommen würde. In der Wut steckt man fest und kann keinen klaren Gedanken fassen.
In den Jahren habe ich viel gelernt und immer wieder geübt. Auch das Thema Wut reflektiert. Ich bitte Sie, verlieren Sie keinen Gedanken daran, dass ich mich nicht mehr nerven würde. Es gibt täglich Situationen an den unterschiedlichsten Orten. Im Bus, wo ich mich frage, warum muss am Smartphone, ohne Kopfhörer, ein Beitrag lautstark geschaut werden? Auf der Autobahn, wo die Frage aufkommt, WARUM muss der LKW 1 den LKW 2 überholen? Gerade jetzt, wo ich mich so beeilen muss. Dann sage ich mir: «Wärst Du mal früher gegangen, dann wäre der «Depp» hinter Dir. Ok, der Depp bin eigentlich ich. Mir schon klar. Dann muss ich wieder einmal mehr über mich selbst lachen.
Aber wieder zur These, ob die Wut den Mut fördert. Wenn andere nicht an einen glauben und es im Bauch langsam rumort, Sie kennen das Gefühl wahrscheinlich auch, dann kann es sein, dass man wütend denkt: «Euch zeige ich, dass ich es schaffe!» Aber wurde da der Mut mobilisiert? Nein, dass ist dann eher der Wille es zu schaffen.
Langsam frage ich mich, ob ich das mit der Wut heute nicht mehr habe oder das schon immer so war. Stimmt, ich erinnere mich. Wirklich wütend war ich zweimal im Leben. Da war ich anfangs 30. Ich erkannte mich selbst nicht mehr und wusste, so ein Mensch will ich ganz bestimmt nicht sein.
Ich bin der Ansicht, dass Wut die eigene Energie ins Leere verpuffen lässt. Also warum sollte ich wütend werden?
Verärgert, stinkig…eben ‘angepisst’. Alles andere schlägt mich zurück und den anderen vorwärts. Ich strebe eine Win-Situation an. Am liebsten eine Win-Win statt einer Lose-Lose.
Ich brauche keine Wut, um meinen Mut zu zeigen.
September 2024 A.K.Gabriel
Hardcore Camper
Bin ich campertauglich?
Wohnwagen an Wohnwagen reihen sich an den vorgesehenen Plätzen auf. Ein buntes Bild, fast. Eierschalenfarben, grau, weiss, etwas hellblau mit rosa zieren die sonst unauffälligen Vehikel. Wohnwagen als Anhänger oder zum selbst fahren, als Wohnmobil. Mit Küche, Dusche, Toilette, mindestens drei bis sechs Schlafplätzen, im Dach oder umgebaut in der Sitzlaunch. Kochen mit Gas drinnen, wie draussen. Es wird grilliert was das Zeug hält. Aber nicht immer, man will den Komfort von Zuhause nicht missen. Risotto, Spaghetti, Fajitas oder was man sonst gerne auf dem Teller hat. Die Düfte asiatischer Wok Pfanne und diverser Grilladen ziehen um die Wagen und laden vermeintlich Gäste ein. Gierige Blicke auf die leckeren Speisen spürt man nicht nur im Nacken. Nur widerwillig würde man etwas abgegeben, weil der Hunger so gross ist, dass man einen ganzen Elefanten allein essen könnte. Was frische Luft nicht alles bewirken kann.
Alice, Theodora, Laura und Eriba heissen nicht die Nachbarinnen, sondern die Häuser auf Rädern. Ich bin fasziniert von den gleichen und doch so unterschiedlichen Anhängern. Anhängern des campen. Jede Partie übertrifft sich selbst. Grösser, aufwändiger, spezieller. Vorzelte mit noch mehr Inhalt als im Wohnwagen selbst. 4er Kochplatten, Campingstühle DeLuxe (daheim sind die vom Discounter), Tisch zum Ausziehen, falls Gäste kommen. Trinkgläser, Weingläser, Apéroschälchen (auch gut für Müesli am Morgen). Kaffeebecher aus Melamin, weil das Sujet so schön war. Salatschüssel mit Besteck, Pastaschüssel, auch geeignet für die Chips zum Apéro. Spielsachen für die Kids, Spiele für die Erwachsenen. Ein bis zwei Bücher, die durch all die Ablenkung nur erschwert gelesen werden können. Also eigentlich alles wie daheim, nur mit extrem viel mehr frischer Luft mit erschwerten Verhältnissen. Wie zu Hause…. und halt doch nicht. Wenn ich nun beginne von den Grills zu schwärmen, verkommt mein Text zum Verkaufsgespräch. „Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern nichts mehr weglassen kann“ (Antoine de Saint-Exupéry).
Geschmückt werden die Wagen mit Girlanden in allen Farben, Fähnchen mit noch mehr Couleur. Auch die lieben Vierbeiner dürfen nicht fehlen. Hunde an der Leine, mehr oder weniger gut erzogen, nicht jeden anzubellen oder anzuspringen. Manch einer hat einen Zaun um «sein Grundstück» gezogen, damit der Shetland Sheepdog, Bolonka, Mops oder Labrador nicht im Gelände herumturnt. Waren es früher Luftmatratzen die mitgenommen und aufgeblasen wurden, hat heute fast jeder mindestens ein Stand Up Paddle oder ein SlingShot Windsurf Teil dabei. Gilt als modern und Hip. Trotzdem sind das einfache Fischernetz und altbekannte Federball noch immer ein Garant für den Zeitvertreib.
Die Urban Camper, unterwegs mit einem minimal ausgebauten «Büssli». Zwei bis vier eher engen Schlafplätzen, ein tägliches hin und her mit der Schlaf- und Sitzgelegenheit. Bei schönem Wetter alles kein Problem. Himmel sei Dank, wenn es nicht regnet. Man sollte sich sicher liebhaben, wenn man so eng die Tage verbringen will. Ich sage nur Lagerkoller (was auch unter Nachbarn passieren kann). Dafür sind die kleinen Vehikel oft bunter. Die Grundfarbe in Orange, Blau, Grün und vielen farbigen Aufklebern. Hawaii-Style, Surfing USA, Blumen und andere Summerfeeling Aufkleber. Ein Bus gespickt mit bunten Pril-Blumen brachten mich zurück in die 70iger Jahre.
2020 erschuf massenhaft Neu-Camper. Umständehalber. Nicht ganz freiwillig. Der Unterschied ist nicht nur sicht-, sondern auch hörbar. Profi-Camper spüren die Diskrepanz. Die Neuen sind einfach anders. Ich als Mitcamperin versuche mich möglichst den Gepflogenheiten anzupassen. Eigentlich gar nicht so schwer. Tatsächlich bin ich campertauglich. Die meiste Zeit draussen zu verbringen ist extrem erfrischend und wohltuend. In den Nächten, welche für mich noch sehr kalt sind (April), wird die bewährte Zwiebeltaktik wieder sehr bedeutsam. Entgegen meiner Gewohnheit, statt täglich nur jeden zweiten Tag zu duschen macht mir ebenso nichts aus. Hauptsache die Zähne sind geputzt. Hier auf dem Campingplatz muss man nur mit offenen Augen umhergehen und das Geschichtenbuch ist prall gefüllt.
Welcome to the Hotel California
Such a lovely place (Such a lovely place)
Such a lovely face (Such a lovely face)
Plenty of room at the Hotel California
Any time of year
You can find it here
Eagles 1976
Wir sind mit unserem Hotel California unterwegs. Klein, eng, süss. Es hat sogar einen Namen: Nelly. Sie bringt uns an jeden Platz, den wir wollen. Meine neue Familie und Nelly haben mir gezeigt, wie urgemütlich campen sein kann. Danke.
2021 – A.K. Gabriel
Der Moment der Wahrheit
Ich platze vor Spannung in meiner engen Hülle….
Wohlig warm ist es bereits seit ein paar Tagen. Eng angeschmiegt liegt die samtweiche Decke rund um meinen geschmeidigen Rubens Körper. Es wird Zeit sich zu strecken, zu erheben und aufzumachen vom Dunkel in die Helligkeit. Ist es noch zu früh? Vermutlich sollte ich warten. Aber wann ist die richtige Stunde? Ich halte mich sicherheitshalber weitere zwei Tage ruhig und überprüfe fortlaufend die Wärme.
Jetzt ist er da, der Moment der Wahrheit. Ich platze vor Spannung, wachse über mich hinaus. Mit dem Kopf durch die Decke. Draussen angekommen lasse ich mein zartes weisses Geschmeide von der Sonne stärken. Es ist wunderbar aus der engen Hülle zu schlüpfen und kraftvoll entspannt in den blauen Himmel zu blicken. Um mich herum stehen meine Schwestern und Brüder genauso schön und anmutig. In der Nachbarschaft entdecke ich einige aus der Familie Iridaceae. Prachtvolle Exemplare mit wohlgeformten trichterförmigen Köpfen in Violett, Weiss, Blau, Gelb, Orange oder sogar gestreift. Jedes für sich ein Unikat, wie ich, obwohl meine Erbinformation nicht so vielfältig ist in der Kolorierung. Meine Familie, die Galanthus, wir halten uns an edles Weiss. Das passt immer.
Voller Energie strotze ich nur so vor Lebendigkeit. Von meinem Platz aus kann ich viel beobachten. Ich bekomme Wortfetzen mit aber nie ganze Sätze. Es ist leider noch zu kalt, als dass die Schulkinder, Frauen oder Männer stehen bleiben. Noch huschen sie in Eile, an uns vorbei. Eines Vormittags, ich bin im Garten, wie immer, wird es dunkel. Nicht wie in der Nacht, sondern eher ein dunkles Grau. Ohne Vorwarnung passiert es. Dicke weisse Flocken fallen vom Himmel und bedecken mich, meine Verwandtschaft und die farbenfrohe Nachbarschaft. Am liebsten hätte ich mich wieder unter die wohlig warme Decke zurückgezogen. Ich gebe mir aber keine Blösse. Ich lernte schon früh, dass nicht jede Windböe einen platt macht. Somit blieb ich standhaft stehen und verlangsamte ganz einfach mein Wachstum. Das ist ein kleiner Überlebenstrick und eine total unproblematische Sache. Meine Freunde und Follower in der Nähe tun es mir gleich. Ich bin stolz als Vorbild voran zu gehen.
Auch diese kalte Episode im April nimmt ein Ende. Die Sicht ist wieder frei. Es macht Spass und ist sehr interessant den Zaungästen zu lauschen. Die Leute bleiben in der Frühlingsonne stehen, um einander unglaubliche, urkomische, belehrende und ernste Geschichten zu erzählen, was in den letzten Monaten passierte. Darunter richtige Komödien. Ich kriege mich teilweise vor Lachen kaum noch ein, ertrinke fast im Augenwasser. Menschen sind tatsächlich extrem tollpatschig. Einmal, das ist wirklich wahr, sah ich auf der gegenüberliegenden Baustelle einem Bauarbeiter zu, wie er sein mobiles Telefon verlor. Er stand gelangweilt auf der Terrasse
des dritten Stockwerks. Vielleicht hatte er gerade Pause. Ich will niemanden anschwärzen. Er stützte sich mit den Unterarmen auf der Brüstung ab. In den Händen sein Smartphone und drückte träge darauf herum. Schwupp, fiel das Teil Richtung Erdgeschoss. Nein, nicht einfach so, dass nur das Glas zersplittert wäre. Ich sah gerade noch wie es in einen Graben fiel. Nicht schlimm genug? Der Bagger war gerade dabei den Graben mit Erde, Schutt und grossen Steinen aufzufüllen. Das Suchen blieb jedenfalls erfolglos. Ähnlich erging es einer Autofahrerin, als ihr Autoschlüssel zu Boden fiel und direkt zwischen dem Gitter im Gulli verschwand.
Mehr als eine Träne vergoss ich bei all den erschütternden Erlebnissen. Lebensdramen mit Trennung, Verlust, Entfremdung…dem Hauptthema «loslassen».
Ich weiss, mein Erscheinungsbild, mit dem hängenden Kopf, wirkt vielleicht ein wenig traurig. Ich kann ihnen aber versichern, dass mich die Monate, in denen ich den Garten schmücke sehr erfüllen. Ich weiss ebenfalls, dass mein Auftritt jedes Frühjahr den Menschen ganz viel Freude bereitet. Deshalb ist mein Motto: «Man lebt nicht für die Ewigkeit, sondern für die Augenblicke, denen man Ewigkeit wünscht».
Was für ein Glück ein Schneeglöckchen zu sein.
2021 A.K.Gabriel
Kleine bunte Krieger
Sie drängen aus allen Schichten. Keinen kümmerts, woher der Nachbar kommt. Sie sind plötzlich da und irgendwann verschwunden. Sie kommen immer wieder.
Der Frühling erwacht,
in all seiner Pracht.
Das Herz frohlockt,
die Seele rockt.
Ob Blau, ob Gelb oder auch mal Grün.
Schau nur her, wie sie erblühn.
Frischen Schwung bringen wir ins Leben,
Es werden alle Balken beben.
Das Glück soll auf unsrer Seite sein,
öffnet das Tor und lasst es herein.
Schneeglöckchen strecken aus dem Schnee ihre Köpfe. Krokusse zeigen ihre farbigen Knöpfe. Tulpen bringen Farbtupfer in unsere Zimmer, bereichern den Raum mit etwas Glimmer. Sonnenstrahlen wärmen Haut und Seele, jauchzend frohlockend aus voller Kehle. Vögel singen wieder ihre Lieder, als wären sie kleine bunte Krieger. Lassen wir es zu mit aller Macht, öffnen uns für kraftvolle Energie, die Frische und das Feuer, welches der Frühling in uns entfacht. Vielleicht ist es sogar eine neue Liebe, die uns lacht?
Jedes Jahr erfreuen wir uns diesem Spiel und laben uns an der Natur, dem Schauspiel des Frühlings pur. Tun wir es den Tieren gleich und erwachen aus dem Winterschlaf. Lasst uns aus unseren Höhlen kriechen und das Leben wieder voll geniessen.
Von Frau zu Frau: «Du weisst genau wie der Hase läuft. Er manche Gefahr umschifft. Sei Du selbst, die ihre eigne Auswahl trifft. Willst Du etwas ändern und Dein Leben feiern oder weiter in die falsche Richtung eiern? Niemand anderes wird es für Dich regeln und die Probleme aus dem Wege hebeln. Entweder du verfaulst, weil du immer weiter maulst. Entscheide selbst, was Du machen willst, bevor Du Deine Träume killst.»
Raus aus der Starre, der Unbeweglichkeit die uns mindert. Keine Ausreden, dass die aktuelle Zeit uns daran hindert. Es liegt an uns was wir in der Gegenwart schmieden, lass uns in die Zukunft fliegen. Betrachte jeden Tag als ein Geschenk, ganz locker aus dem Hüftgelenk.
Gefällt Dir nicht die Art und Weise? Seit wann bin ich artig oder leise? Im Grunde weisst Du hab ich recht, sei einfach nicht Dein eigner Knecht.
2021 A.K.Gabriel
Mutter – Beste Freundin?
Ist das überhaupt möglich? Ist es in der Natur, dass wir unsere Mutter die beste Freundin nennen?
Für mich ist jeder Tag Muttertag …
Liebe Mutter, liebe Freundin
Ein Loblied auf deine Art und Weise, wie du mich während fünfzig Jahren begleitet hast. In den ersten elf nachhaltig und prägend. In den letzten vierzig, spürte ich beinahe täglich dein unbemerktes Zutun oder stillen Zuspruch. Unsere Seelen sind für immer verbunden. Du warst und bist nicht nur Mutter, du bist auf ewig meine beste Freundin. Bei dir kann ich alles abgeben, mich sein und dir meine innersten Gedanken und Gefühle anvertrauen. Einfach losplappern. Es ist nie zu laut oder zu leise, nie zu aggressiv oder zu lieb. Ohne Wertung hörst du bei jeder Tages- und Nachtzeit zu und machst mir immer wieder Mut. Weitermachen. Nie stillstehen. Durchhalten. «Wer Ausdauer besitzt, ist fast schon am Ziel.», wusste schon Ernst R. Hauschka. Liebe Mutter, liebe Freundin du bist es, die mir immer wieder Kraft und Energie gibt. Für mich ist jeder Tag Muttertag.
Danke, dass du mich überhaupt geboren hast. Viel zu früh nistete ich mich ein. Es hätte, mit deinen damals 18 Jahren, auch mit einem induzierten Abort enden können. Leibesfrucht entfernen und «Schwupps» – weg wäre ich gewesen. Obwohl ich dein erster grosser Unfall war, hast du mich das nie spüren lassen. Schliesslich gab es wohl andere Schuldige, dass ich mich für 40 Wochen in deinem Uterus ausbreitete. Da muss ich gerade schmunzeln. Das habe ich dir gar nie erzählt: Als Kind glaubte ich tatsächlich, die Gebärmutter sei diejenige, die den Babys die ersten Kleidchen strickt.
In diesem Augenblick kommen mir lustige Momente in den Sinn. Einige weiss ich noch aus eigenen Erinnerungen, andere nur aus deinen Erzählungen. Ein Beispiel: Wir fuhren mit dem Auto an einem Waldstück vorbei. Das kleine Schild am Baum sah ich nur flüchtig und war überzeugt darauf zu lesen: «Hollwut-Gefahr». Folgende Antwort erhielt ich auf meine Frage, was denn dieses Hollwut sei: «Der Hollwut ist der, der beim Fenster reinkommt, sogar durch die Rollläden hindurch, wenn man das Licht nicht frühzeitig ausmacht und noch liest, anstatt zu schlafen.» Phantastisch Mama und pädagogisch so wertvoll. Irgendwann konnte ich dann ein gleiches Schild entdecken. Ich merkte, dass ich nur falsch gelesen hatte. Der Spuk war endgültig vorbei. Natürlich las ich trotz diesem «Hollwut» weiter im Bett – also unter der Decke mit Taschenlampe – wie alle anderen Leseratten auch. Ich konnte mir sowieso nicht vorstellen, dass dieser Troll mich je unter der Decke finden könnte. Hat er ja auch nicht …… bis jetzt.
Auch zum Thema Essen gibt es lustige Anekdoten. Ach, in Erinnerungen schwelgen tut so richtig gut. Deine Tomaten-Spaghetti waren sensationell. Bis heute habe ich nicht herausgefunden, wie du die Sauce gezaubert hattest. Ich erinnere mich nur: Als erstes kommt das Tomatenpüree in die Pfanne. Ich muss lachen, wie recht du hast – ein sehr «gschnäderfrässiges» Kind (auch bekannt als «heikel») war ich. Zu Gemüse (ausser im rohen Zustand) konntest du mich nie verführen. Einmal, sass ich doch tatsächlich vom Mittagstisch bis um fünf oder sechs Uhr abends vor zehn «Bowäärli» (Erbsen). Ob ich sie je gegessen hatte? Wahrscheinlich!
Einmal brachte ich das Fass wirklich fast zum Überlaufen. Ich fragte dich, ob du eine Kirschwähe anstatt Apfelwähe backen könntest. Eines Tages stand am Mittag tatsächlich der gewünschte Kuchen auf dem Tisch. Ziemlich schnell verzog ich das Gesicht, als ich bemerkte, dass das nun unser Mittagessen sein sollte. Belehrend bemerkte ich nur: «Aber Mami, du weisst doch, dass ich nur Apfelwähe mag.» Es verschlug dir einen Moment die Sprache. Kopfschüttelnd legtest du mir ein Stück auf meinen Teller und unterrichtetest mich im Gegenzug gelassen: «Das hast DU so bestellt.» Da sass ich nun vor einem Stück Kirschwähe und mein Hunger war ziemlich schnell verflogen. Essverweigerung war angesagt. Beim Nachtessen stand der gleiche Teller, mit dem gleichen Stück Kuchen, wieder vor mir. Auch da zeigte ich dem zuckersüssen Kirschkuchen nur die kalte Schulter. ICH hatte KEINEN Hunger! Am nächsten Morgen stand doch dieser vermaledeite Teller erneut vor mir. Ich sollte in dieses Stück Kuchen beissen, um zu schmecken, wie lecker er war. Mein Magen war empört. Nur schon das Berühren meiner Lippen am Belag löste ein Würgegefühl aus. Schon damals war ich ein Sturkopf. Visuell machte der Kuchen nicht mehr viel her, so angebissen und ausgetrocknet. Zusammengefasst waren es 6 verpasste Mahlzeiten, da Kirschwähe auf meinem Menu stand. Übrigens, hatte ich nirgends etwas gebettelt oder stibitzt. Über die ganze Zeit ass ich absolut nichts. Das liess mein kleiner Rebell in mir nicht zu. Am dritten Tag durfte ich wieder deine Sanftmut spüren und es gab meine geliebten Spaghetti. Zwei übervolle Teller ass ich restlos auf. Gewiss, ich hatte Hunger.
Liebe Mutter, liebe Freundin wie hieltest du das nur aus? Diese Ruhe und diese Konsequenz waren bewundernswert.
Solche Geschichten gäbe es noch viele zu erzählen. Aber das bei anderer Gelegenheit.
Liebe Mutter, liebe Freundin. Wie schön, wäre das Realität und nicht nur Traum. Du meine Mutter und meine beste Freundin. Hätten wir miteinander die Kurve gekriegt? Wäre es für unsere Beziehung von Vorteil, dass nur 18 Jahre Differenz zwischen uns ist? Wie schön stelle ich mir das Gefühl von Verbundenheit, blindem Vertrauen vor, mit dir als Freundin. Mich fallenlassen und nicht immer stark sein müssen, weil du meine Mutter bist und mich beschützt.
Eines Tages – der wirklich grosse Unfall. Warum bist du nur so früh gegangen? Schon lange bist du mein Schutzengel.
Ich vermisse Dich sehr.
April 2019 A.K.Gabriel
Man kann die Wirklichkeit, wie sie ist, nur mit einiger Phantasie erkennen.
© Ernst R. Hauschka (1926 – 2012), Dr. phil., deutscher Aphoristiker, Lyriker, Essayist und Bibliothekar
Julian – Der Löwenjunge
Nichts ist, wie es scheint. Doch wenn es scheint, dann ist es perfekt.
Ein Schatten huscht über die Blätter. Der Mond, rund, hell und klar, scheint durch die Äste auf den modrigen Waldboden. Flink rennt die Gestalt zwischen den Bäumen hindurch, streift durch Gebüsche. Es bleibt plötzlich stehen und lauscht. Gespenstig ruhig, etwas unheimlich und dennoch fasziniert. Kaum hörbar raschelt, schnauft und piepst es im Unterholz. Julian hat keine Angst. Er ist gewohnt nachts im Wald zu sein. Es ist sein Rückzugsort, seine Oase. Zwischen den Bäumen und den Tieren hat er seine Ruhe. Keiner der ihn angafft, keiner der in anblafft und keiner der sich lustig macht. Im Wald ist er glücklich und kann sich vom Tag erholen.
Gerade heute war es wieder anstrengend. Der Jahrmarkt hatte vor zwei Wochen seinen Standort gewechselt. Eine neue Stadt, neue Zuschauer. Sie stehen vor Julian glotzend und lachend. Er weiss, dass er froh sein darf bei Jean Baptiste zu arbeiten. Bei ihm kriegt er immer genug zu essen, hat einen warmen Schlafplatz und sieht etwas vom Land. Er war schon in so vielen Städten und deren Wälder. Und trotzdem ist er etwas traurig heute. Er hatte sich verliebt. Er musste seine Liebe zurücklassen. Das Mädchen mit den blonden Zöpfen hatte ihn nicht angeglotzt, sie hatte ihn bezaubert, hatte ihn verzaubert. Sie bewunderte ihn, wie schön er doch sei und wie weich seine Haare sich anfühlten. Er liess natürlich nicht jede oder jeden seine Haare anfassen, aber bei Marie machte er damals eine Ausnahme. Erst einmal, dann nochmals und dann immer wieder. Sie war so sanft und konnte mit ihrem herzhaften Lachen Berge versetzen.
Nach Feierabend, wenn der Jahrmarkt jeweils schloss, suchte Julian schon immer Schutz und Ruhe im Wald. Seit aber Marie in sein Leben trat, konnte er dieses Gefühl überall haben. Solange sie bei ihm war, konnte ihm nichts passieren. Er hatte Vertrauen zu ihr. Sie verstand ihn. Der einzige Trost in seinem immensen Liebeskummer war, dass er wusste, spätestens in einem Jahr würde er sie wiedersehen. Die Wandermenagerie war im Jahresturnus im Land unterwegs und deswegen konnte er sich freuen. Ein Wiedersehen in 12 Monaten. Sie würde auf ihn warten, hatte sie gesagt. Sie werde ihm Briefe schreiben, obwohl er weder lesen noch schreiben konnte. Ein Bote hatte ihm bereits den ersten Umschlag überbracht. Er hatte ihn noch nicht geöffnet. Weshalb auch, er konnte ihn ohnehin nicht lesen. Aber der Brief roch gut und er trägt ihn täglich unter seinem Hemd, nahe seinem Herzen. Er war so unsäglich glücklich. Kein Geglotze, Gemotze oder Gelächter konnten ihn, im Moment, aus der Bahn werfen. Sein Herz quoll über vor Liebe.
Zurück im Camp, bevor er zu seinem Schlafplatz schlich, ging er in den Waschwagen. Er wusch und pflegte sein samtenes, weiches Haar. Marie wäre entzückt. Ob er sich eine Strähne abschneiden sollte? Aber wie kam diese zu seiner geliebten Marie? Ganz in Gedanken versunken, bemerkt er nicht, wie Josef, der beinlose Akrobat, in den Wagen klettert. «Na Julian, machst du dich hübsch für die Damenwelt?» Julian fühlt sich ertappt und entgegnet etwas grimmig: «Was würde es denn nützen? Die Richtige ist eh nicht da.» «Oh mein feiner Herr, für die Richtige soll es dann auch noch sein», bemerkt Josef spitz. Julian kullert eine Träne über die Wange. Der beinlose Kumpel, der kein so harter Bursche war, wie er sich während der Show jeweils gab, bemerkt diese eine Träne. «Julian, ich habe das doch nicht so gemeint!» Josef hievt sich auf seinen starken Armen ein Stück in Richtung seines Weggefährten. «Oder hast du etwa Liebeskummer? Fehlt dir Marie denn
so sehr?» «Nein Josef, nicht so sehr, sondern noch viel mehr, als ich jemals dachte bevor wir wegfuhren. Wenn ich das gewusst hätte.» «Aber Marie hat dir doch einen Brief geschickt. Stand denn so fürchterliches drin?» Julian war beschämt. Er muss nun seinem Freund gestehen, dass er weder schreiben noch lesen kann. Bis anhin konnte er sich drücken und kam heil davon, wenn eines dieser Attribute gefordert waren. Er konnte dafür gut zupacken und half immer beim Aufbau des Zeltes. Kleinlaut druckst er herum: «Ich kann ihn nicht lesen.» Ganz erstaunt und doch sehr verständnisvoll erwidert Josef: «Aber du kannst ihn doch trotzdem ansehen.» «Habe ich ja. Ich bewahre ihn hier, unter meinem Hemd auf.»
Ganz entsetzt schaut Josef das schon etwas zerfledderte Papier an. «Julian, der Brief ist ja gar nicht geöffnet!» «Brauche ich ja nicht, wenn ich ihn nicht lesen kann. Aber er duftet herrlich nach Marie.» Julian hält sich den Umschlag direkt unter die Nase und atmet tief ein. Sofort hat er wieder die Bilder mit Marie im Kopf, als sie auf einer grünen, saftigen Wiese picknickten. Eine Flasche Wasser und zwei leere Brotstücke. Das war ihnen genug. Für Wurst und Käse hätte das Geld nicht gereicht. Aber sie waren auch so glücklich. Unsanft aus seinen Träumen herausgerissen hört er, wie Josef ihn wortreich drängt den Brief endlich zu öffnen. Julian weigert sich erst, weil er Angst hat, dass der Duft verschwinden könnte. Dieser musste ja noch fast 12 Monate halten. Josef vehement: «Julian, jetzt öffne ihn halt. Da passiert schon nichts Schlimmes und wenn sie Parfum am Briefumschlag hat, dann sicher auch am Brief selber. Los, gib dir einen Ruck.» Nach längerem Zögern gehorcht er und öffnet fein säuberlich, mit seinem scharfen Messer, den Umschlag. Noch mehr Parfumduft entweicht und ein wohliges Gefühl umgarnt Julian. «Kannst du denn überhaupt lesen, Josef?», und hält ihm das Blatt hin. Josef, der zwar nur verkümmerte Beine aber zwei gesunde Arme und Hände hat, nimmt den Zettel und schaut ihn an. Er lacht laut. «Was gibt es da zu lachen?», fragt Julian unsicher. «Schreibt sie, dass sie einen anderen gefunden hat?» Josef gibt Julian wortlos das Papier zurück und lächelt zufrieden. Julian packt voller Zorn den schon etwas zerknautschten Wisch und zerknüllt ihn ganz. Er will ihn schon wegwerfen, als sein Freund ihm rät: «Das machst du besser nicht. Du würdest eine echte Chance vergeben.» Josef lässt nicht locker Julian zu bestärken, dass er den Brief doch einfach erst ansehen soll, bevor er ihn in die Ewigkeit verbannt. Freudlos versucht Julian das Papier wieder glatt zu streichen und schaut es entgeistert an. Er schnappt nach Atem und japst tränenerstickte, unverständliche Worte vor sich hin. Seine dunklen, noch zornig funkelnden Augen verwandeln sich sekundenschnell in helle, leuchtende Sterne. Marie hatte gar nichts geschrieben. Kein Buchstabe noch eine Zahl befindet sich auf dem Blatt. Dafür sieht Julian wunderschöne Zeichnungen. Ein lachendes Paar, Hand in Hand. Sie mit blonden Zöpfen und er mit seiner wallenden Mähne. Sie hat wirklich ein Gespür fürs Detail. Er sieht ein Bild ihres Picknicks und eine Skizze zeigt ein Portrait von ihm. Er fühlt sich geschmeichelt. Die gezeichneten Haare, in seinem ganzen Gesicht, sehen auch auf dem Bild samtweich aus. Seine Marie ist eine echte Künstlerin. Wie sehr er sie doch liebt. Noch 12 Monate Freakshow, dann würde er eine andere Arbeit suchen und mit Marie glückliche Jahre verbringen.
2018 A.K.Gabriel
Ich mag kein Gemüse…..trotzdem
1. Preis Lyrik 2018
FSB Schreibwettbewerb
Ich mag kein Gemüse, trotzdem muss ich es essen.
Ich mag Hunde, trotzdem kriege ich keinen.
Ich mag keine Schule, trotzdem muss ich hin.
Ich mag Süsses, trotzdem soll ich nicht ständig naschen.
Ich mag Puppen, trotzdem kriege ich nicht alle Barbies.
Ich mag kuscheln, trotzdem nehmen sich Mama und Papa selten Zeit.
Ich mag von meinem Tag erzählen, trotzdem interessieren sie sich nur für sich.
Ich mag lachen, trotzdem bin ich traurig.
Ich mag keine Tränen, trotzdem weine ich.
Ich mag kein streiten, trotzdem muss ich es hören.
Ich mag nicht schuld sein, trotzdem liegt es an mir.
Ich esse mein Gemüse, geh zur Schule, will nichts Süsses, will keine Barbies und schon
gar keinen Hund.
Trotzdem lasst ihr euch scheiden.
xyz
